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LEVEL UP

„Mir war gar nicht klar, was Mediensucht für Folgen haben kann. Alleine gelingt es einem kaum, der Verlockung zu widerstehen. Deshalb hat mir die Gruppe gezeigt, wie wichtig es ist, mit anderen zu sprechen und sich gegenseitig zu helfen.“
Felix Schumann

PROBLEME IN DER GRUPPE
LÖSEN - MEDIENSUCHT

Wenn ich nach einem anstrengenden Schultag nach Hause komme, setze ich mich gerne vor den Computer, spiele ein Ego-Shooter-Spiel. Dabei kann ich super runterkommen, manchmal Aggressionen loswerden. Doch nach einer Zeit wird der PC wieder abgeschaltet. Genau das fällt jedoch nicht jedem so leicht. Ein paar Minuten gehen noch! Schadet ja schließlich nicht … oder? – Aber elektronische Medien können süchtig machen, ähnlich wie Drogen.

Lucas Döbel, der Projektleiter von „Level up“, kennt diese Problematik nur zu gut. Er begrüßt mich freundlich. Dann führt er mich in die gemütlichen Räume, wo die Gruppentreffen abgehalten werden. „Level up“ ist eine Abteilung der Fachstelle für Mediensucht „return“. Hier kommen Jugendliche zusammen, um über ihren Medienkonsum zu sprechen. Bei Apfelschorle und Weintrauben treffen wir uns mit einigen der Teilnehmer.

Zocker, Gamer oder Surfer werden sie genannt. Diese jungen Männer haben irgendwann die Kontrolle über ihre Mediennutzung verloren – über Computerspiele, die sogenannten sozialen Medien, das Internet. Der 20-jährige Luke* berichtet von der Zeit, in der er abhängig war und seine Ausbildung abbrach: „Wenn das Leben nur noch aus Schlafen und Zocken besteht, bleibt keine Zeit zum Lernen!“

Andere erzählen, wie sie aus dem Alltag in die Spielwelt geflüchtet sind und die Kontrolle verloren haben. Wie die Gesundheit leidet, die Kondition schwindet. Große Schlappheit, keine Lust zu nichts, gereizte Augen: Das sind Symptome, die vielen „Suchtis“ nur allzu bekannt sind. „Der Körper wird einem fremd“, sagt Bastian, eines der jüngeren Mitglieder. Auch der soziale Status leidet.

Bastian* erzählt, er habe selber gemerkt, wie ihm die Abhängigkeit über den Kopf wuchs. Entgegen meinen Erwartungen bestätigen auch andere, dass sie von sich aus Hilfe gesucht haben. „Ich habe einen Therapeuten gesucht – ich war sogar in einer Suchtklinik. Irgendwann habe ich dann diese Gruppe gefunden“, erinnert sich Luke.

* Alle Namen der Mitglieder sind frei erfunden, um ihre Privatsphäre zu wahren.

 

WARUM ÜBEN MEDIEN SO GROSSE
ANZIEHUNGSKRAFT AUS?

Kontrolle durch Wissen
Unter anderem nehmen sie in der Gruppe den Aufbau von Spielen und von „Medienfallen“ mit kritischem Blick unter die Lupe. „Denn“, wie mir Bastian beschreibt, „wenn man die Tricks der Medien kennt, kann man Ihnen leichter widerstehen!“

Gemeinsam wird das Nutzerverhalten der Einzelnen analysiert. Lucas reicht mir einen Fragebogen, den sie an diesem Tag besprochen haben. Welche Rollen nimmt man in einem Spiel ein, was sagt das aus? Warum üben Medien so große Anziehungskraft aus? Diesen und anderen Fragen wird sich gestellt. Schließlich trägt die Gruppe ihre Ergebnisse zusammen. Auf der Tafel steht das Fazit der Stunde: Wörter wie „Ego-Shooter“ oder „Facebook“ stechen heraus – die Medien mit den größten Suchtpotenzialen.

„Wir sind Mörder, Lügner und Diebe! Denn wir schlagen unsere Zeit tot, belügen uns selbst und rauben uns unsere Chancen.“

So beschreibt Marco J., ein 22-jähriger blonder Junge, die Situation eines Medienabhängigen. Nicht alle erleben es so schlimm. Aber die Runde ist sich einig, Marcos Aussage hat einen wahren Kern. „Viele wissen über ihren ungesunden Konsum Bescheid, schaffen es aber nicht, sich loszureißen“, bestätigt Lucas aus Erfahrung. Die „Heilung“ ist ein langer Prozess, bei dem die Gruppe unterstützt.

Schaumstoffschlachten und neue Ziele
Und damit die Gruppe nicht nur herumsitzt, finden regelmäßige Outdoor-Aktionen statt, wie Grillen, Geocaching oder Juggern. Jugger ist eine Mischung aus American Football und Kämpfen mit Schaumstoffwaffen. Mit selbstgebasteltem Spielzeug rennt man über den Rasen. Die sportliche Auslastung hilft und beim Spiel wird darauf geachtet, wie das Gruppenverhalten zum Verhalten in der Spielwelt passt.

Bastian erzählt: „Früher konnte ich keinen Kilometer weit fahren, ohne einen Kreislaufzusammenbruch zu bekommen. Heute mache ich Radtouren. Ich habe mit Judo angefangen und kürzlich die Prüfung für den orangen Gürtel absolviert, das hätte ich ohne Level up nie geschafft!“ Marco hingegen hat eine Laufgruppe gegründet. Luke berichtet mir, wie er mit der Gruppe doch noch seine Ausbildung geschafft hat. Ein anderer plant einen eigenen Laden, ein weiterer hat den Führerschein geschafft. Allerdings wird nicht nur in der Gruppe gearbeitet. Wer intensiver über Probleme reden will, kann im Einzelgespräch detailliert von seinen Anliegen berichten.

Und auf lange Sicht?
Die digitalen Medien werden immer raffinierter. Die junge Generation kommt immer früher damit in Kontakt und Mediensucht wird ein immer größeres Problem werden. „Gut, dass die Sparkasse dieses Projekt unterstützt“, betont Lucas.

„Eine offene und freundliche Stimmung innerhalb der Gruppe ist am wichtigsten. Auch neue Mitglieder werden sofort aufgenommen und integriert. Jeder muss sich wohlfühlen und über seine Probleme sprechen können!“
Lucas Döbel, Sozialpädagoge bei return – Fachstelle Mediensucht

DIE SPORTLICHE AUSLASTUNG HILFT

Balance zwischen dem realen Ich und virtuellen Spielidentitäten.

Auswege aus dem exzessiven Medienkonsum – Lösungsansätze durch Suchtexperten.

Möglichkeit der Begegnung mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen.

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